Hans Ticha

„Ticha, erdenlastiger Phantast, besaß … die arge Neigung, sich rabiat in riesigen Formaten auszudrücken, tobte überkompensiert in seiner schäbigen Ruine in der Berliner Rykestraße ein Lebensgefühl aus, das einer 12-Zimmer-Salonwohnung attraktiv angestanden hätte“. (Eckart Krumbholz)

Am 2. September 1940 wurde Hans Ticha in Tetschen-Bodenbach (heute Decín) geboren.
Von 1958 bis 1962 studierte er Pädagogik (Kunsterziehung und Geschichte) an der Karl-Marx-Universität Leipzig, und von 1965 bis 1970 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee. Seine Lehrer waren Kurt Robbel, Werner Klemke, Arno Mohr und Klaus Wittkugel.

Nach erfolgreichem Abschluß wirkte Hans Ticha als Buchillustrator und freischaffender Maler und Grafiker. Zunächst bezog er ein Atelier in der Rykestraße im Prenzlauer Berg und wurde deshalb dem kulturellen Kreis des Kollwitzplatzes zugerechnet. Nach der Wende in der DDR zog er 1990 nach Mainz, 1993 nach Maintal-Hochstadt bei Hanau.
Seine künstlerische Arbeit beginnt er zunächst mit der Buchillustration. Hans Ticha´s erste Buchgestaltung („Das Schildbürgerbuch“) realisierte er mit 19 Jahren. In den 70er Jahren zählte Hans Ticha neben Ruth Knorr, Klaus Ensikat und Horst Hussel bereits zu den führenden jungen Buchgraphikern. Sein grafisches Werk reicht von Buch- und Zeitschriftenillustrationen, Einbänden und Umschlägen bis hin zu Plakaten, Druck- und Kleingrafiken. Er arbeitete für die großen Verlage der damaligen DDR, aber auch für die Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main.

Es ist nicht einfach Bücher von Hans Ticha hervorzuheben. Jedoch verdienen seine Illustrationen zu Falladas „Geschichten aus der Murkelei“ (1973), „Der Esel als Amtmann“ (1976), E. T. A: Hoffmanns „Klein-Zaches genannt Zinnober“ (1976), Ernst Jandls „aus dem wirklichen leben“ (2000) und Erich Kästners „Gedichte“ (2003) besondere Erwähnung.
Das Werkverzeichnis seiner Illustrationen und Grafiken, das anläßlich seines 60. Geburtstages von Hiltrud Lübbert minutiös und akribisch bearbeitet wurde, würdigt diese besondere buchkünstlerische Leistung.
Im zeichnerischen Schaffen und der Malerei geht der Künstler vergleichbare Wege, die ihn zur Entwicklung seines unverkennbaren Stils führen.

Fragt man Hans Ticha nach seinen Vorbildern, so nennt er besonders die russsischen Konstruktivisten, die Bauhaus-Maler und später die Künstler der Pop-Art. Wichtigste Inspirationen bleiben die Arbeiten von Fernand Léger. Sein Menschenbild, die Idee eines menschlichen Sozialismus sind Merkmale, die Hans Ticha in seiner Darstellungskraft beflügeln und ihn dazu befähigen, Zwangsgesellschaften als hohle, aufgeblasene Phantome zu persiflieren.

In seinen Bildern spiegelt sich immer das Alltägliche und Menschliche wider.
Besonders die Werke mit maritimen und sportlichen Motiven, seine Friseursalons und Fischläden sind einem großen Publikum bekannt geworden.

Für sein politisches Statement benutzte er die Darstellung der Hände. So entstanden die heute schon legendären Klatscher-Motive. Mit derselben Intensität und Lautstärke, wie Militärparaden, Fahnenverleihungen, Bruderküsse und Massenveranstaltungen auf ihn einströmten, antwortet er in gleicher Manier.
Wie man bei Arno Mohr’s Grafik vom „Klavierspielenden Kind“ die Musik hört, so klingen dem Betrachter bei Ticha´s Arbeiten die Marschmusik, die Festreden und das stereotype Klatschen unzähliger Reihen von Gesichtslosen im Ohr. Hans Ticha benutzte hierbei die Vorlagen aus der Aktuellen Kamera und dem Neuen Deutschland und verwandelte sie mittels klarer Allegorie in eine kritische Antwort.
Durch die Vermittlung von Herbert Sandberg erhielt Hans Ticha 1976 seine erste Einzelausstellung. Hervorzuheben sind seine Ausstellungsbeteiligungen auf der VIII. und IX. Kunstausstellung der DDR (1977/78 und 1982/83) und auf der XLIV. BIENNALE VENEDIG, 1990. Auf der X. Kunstausstellung 1987/88 ist er nicht mehr vertreten. Grund hiefür war vermutlich sein Kontakt zu Systemkritikern, die von der Staatssicherheit beobachtet wurden.

Hans Ticha sollte jedoch nicht nur als Kritiker bestimmter Erscheinungsformen in der DDR gesehen werden. „Er arbeitet weiter am Problem des Konformismus, der Selbstaufgabe und Dressur des Einzelnen zum willfährigen Objekt von Werbekampagnen, Massenmedien und Massenveranstaltungen“, so Eduard Beaucamp.

Bilder des Künstlers befinden sich unter anderem im Kunstmuseum Bonn, im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, in den Kunstsammlungen zu Weimar, Schloßmuseum und im Deutschen Historischen Museum Berlin – die Nationalgalerie erwarb bereits 1982 zwei seiner Werke.