Paul Kuhfuss

Verfolgt man den Weg Paul Kuhfuss‘ zwischen Pflichterfüllung in seinem Lehrberuf und der Leidenschaft zur Malerei, gibt es über die langen Jahre seines reichen Lebens eine scheinbare Anzahl von stilistischen Brüchen, die sich jedoch immer wieder als Entwicklung darstellen. Seine Zeit an der „Königlichen Kunstschule Berlin“, die mit dem Lehrer-Examen 1905 endet, orientiert sich noch an dem Vorbild der großen Realisten Adolf von Menzel, der gerade in diesem Jahr gestorben war und an dem von Max Liebermann, der als Präsident der Freien Berliner Sezession Maßstäbe setzte. Die Kuhfuss’schen Malereien und Zeichnungen jener Zeit sind diesem Realismus verpflichtet.

Der Künstler orientiert sich auch an seinen großen Vorbildern Lovis Corinth und Max Slevogt, jedoch findet er nicht zu ihnen, er bleibt ihnen als Einzelgänger fremd. Das mag auch an seiner Orientierung auf die jüngere Generation, die selbst noch sucht und zu der er sich hingezogen fühlt liegen. Seine um zehn Jahre jüngeren Malerkollegen Harry Deierling, Bruno Krauskopf und Wilhelm Kohlhoff stehen ihm näher.
Die Kuhfuss’sche Formensprache entwickelt sich vielleicht auch wegen dieses Altersunterschiedes eigenständig weiter und ist bis Ende der „Zwanziger Jahre“ eher dem Nachexpressionismus zugewandt, der sowohl sachliche als auch impressionistische Züge aufweist. Ab 1930 bricht diese Auffassung jäh ab, um sachlichen Bildern, besonders bei Stilleben und Landschaften, mit einem nachimpressionistischen Klang zu weichen.

Jetzt sind die Arbeiten durch grüblerische Träumereien und Farbklänge charakterisiert und bringen gerade in der Zeit der faschistischen Barbarei eine immer tiefere Naturverbundenheit zum Ausdruck. Der Mensch, in die Natur, in das Universum zutiefst eingebunden und seine Kraft daraus schöpfend, die Einheit von Mensch und Natur und ihr unergründliches Wesen, sind die tiefen Einsichten, die sich diesem Maler erschließen. Seine Bilder mit den traumhaften Nuancen von Grün-Gelb, Blau-Grün-Violett, Orange-Rot und dem Leuchten der gelb-weißen, auch schwarzen Sonnen und Monde entwickeln für den Betrachter eine phantastische Welt. Was in der Zeit zwischen 1933 und 1945 an künstlerischen Arbeiten entstanden war, blieb der Öffentlichkeit jedoch weitgehend unbekannt.

Nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur wurde Paul Kuhfuss als Lehrer gebraucht, zunächst an der Volkshochschule Berlin-Pankow. Ab 1949 über-nimmt er die Klasse für Akt, Bühnenbild und Kostümgestaltung an der Textil- und Modefachschule Berlin. 1954 wird diese Tätigkeit durch einseitige Kündigung der Fachschule beendet. Immerhin war der Künstler bereits 71 Jahre alt, aber er vertrat die Position von der „Eigengesetzlichkeit der Kunst“, die in das damalige ideologische Weltbild der DDR nicht so recht hineinpaßte. Die begonnene Formalismusdiskussion zeigte erste Auswirkungen.

Die 2. Deutsche Kunstausstellung 1949 in Dresden ist die letzte, bei der der Künstler vertreten ist. Nachdem die Jury der 3. Deutschen Kunstausstellung in Dresden Paul Kuhfuss 1953 ausjuriert hat, ist er oft mit seinen Bildern unter den entwürdigenden Umständen der damaligen Kontrollen in Berliner U- und S-Bahnen unterwegs.

Paul Kuhfuss war nicht nur Mitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR, sondern auch Mitglied des Vereins Bildender Künstler mit Sitz in Berlin-Charlottenburg. So bot die Große Berliner Kunstausstellung unter dem Funkturm dem unermüdlichen Künstler eine neue Bestätigung und Anerkennung. Sein Ziel, eine Lehrtätigkeit in Berlin-West auszuüben, konnte er nicht erreichen. Vom Berufsverband Bildender Künstler in Berlin-West wird er jedoch zum Jury-Mitglied ernannt. Dieser Jury gehört er auch noch in seinem Todesjahr 1960 an.

Im darauffolgenden Jahr 1961 zeigte die Große Berliner Kunstausstellung gleichsam als Ehrung und zum Gedächtnis zwölf Mischtechniken aus seiner letzten Schaffensperiode. Danach wurde es zunehmend ruhiger um das Werk des Künstlers. Seit 1975 wurde dem Schaffen des Künstlers wieder durch Austellungen z. B. in der Nationalgalerie Berlin, 1983 und ab 1990 in mehreren Galerien Würdigung erwiesen. Der Höhepunkt war die Herausgabe eines umfassenden Werkverzeichnisses.

Das ständige Streben um das Höchste in der Malerei führt ihn zu tiefgreifen-den menschlichen Einsichten, die in seinen Tagebuchaufzeichnungen nachzulesen sind. Alle Reisen, nach Italien, in die Alpen, in die Fränkische und Sächsische Schweiz und an die östliche Ostsee erlebt er in seiner Phantasie später noch einmal. Nach Skizzen entstehen oft Jahre danach Ölbilder und Temperaarbeiten mit einer imaginären Spannung und in einem verklärenden, der Schönheit der Natur huldigenden Licht.

So dringt er am Ende seines Lebens an einen Punkt vor, wo ihm klar wird, daß er mit seiner Kunst nie ein Ende finden kann. Wenn er nun noch einmal beginnen dürfte, würde er wieder ganz anders anfangen.

Ekkehard Hellwich